Wegmarkierungen ohne Weg! Wanderungen auf Sizilien
„Wegmarkierungen...ohne Weg!“ unter
dieses Motto könnte man die einwöchige Wanderung der
Tourengruppe des DAV Osnabrück auf Sizilien im Oktober 2006
stellen, nachdem wir auf anfangs markierten Wegen von
Isnello aus, dann im weglosen Gelände unser Rifugio Oristano
in Piano Zucchi im Naturpark Madonie erreichen.
Aber beginnen wir am Anfang!
Sechs unternehmungslustige Wanderer unter der Leitung von
Eckhard Pietschmann machen sich mit leichtem Wochengepäck
auf, einen der drei Nationalparks Siziliens, die Madonie,
kennen zu lernen.
Nach einem 2,5-stündigen Flug tauchen wir in Palermo ein in
italienisches Großstadtleben, in Lärm, Hektik, geschäftiges
Treiben. Mit der Bahn geht es weiter nach Cefalù. Die
malerische Bucht und der mächtige Kalkfelsen mit den Ruinen
eines normannischen Kastells bereiten bereits lange vor der
Ankunft an der Stazione dem Reisenden einen imposanten
Eindruck von diesem hübschen Badeort mit seinen arabisch
anmutenden Gässchen. Unübersehbar erhebt sich der große
Normannendom über die Piazza, die kleinen Bars, Restaurants,
Gellaterias und Boutiquen. Wir schlendern durch die engen
Gassen zum alten Hafen, betrachten die malerisch-morbiden
Häuser und besichtigen die arabische Wäscherei, ein uralter
Waschplatz am Meer, bestehend aus grauen Steinbecken. Mit
ein wenig Phantasie lässt sich das Bild gekrümmter,
wäscheklopfender Frauen heraufbeschwören. Glücklicherweise
gibt’s heute modernere Haushaltstechnik!
Am nächsten Tag ist Schluss mit dolce far niente. Der
Linienbus bringt uns nach Isnello, dem Ausgangsort unserer
bevorstehenden Madonie -Wanderung.
Tatsächlich scheint es so, dass wir uns auf unserer ersten
Wanderetappe hoffnungslos im Dickicht verlaufen haben und
der Weg, der eigentlich gar keiner ist, im Dornengestrüpp,
in der Macchia, endet. Doch es scheint nur so, denn dank
unseres ortskundigen Wanderleiters, der hier schon mehrfach
Wanderungen durchführte, treffen wir doch ab und zu auf
Wegmarkierungen, allerdings recht unterschiedlicher Art, in
Italien ist eben manches anders und Improvisationskunst
gehört dazu! Die Kenntnis der Struktur der Landschaft und
eine Portion Intuition lassen uns immer wieder die Richtung
bzw. den rechten Weg finden.
Um den Pizzo Antenna geht es am nächsten Tag. Die anfangs
gut markierten und gut gepflegten Wege enden wieder im
Nichts. Wir benutzen alte Saumpfade („Mulattieras“), die in
geografisch neueren Karten gar nicht mehr eingezeichnet
sind. Ohne die Erfahrungen vergangener Touren hätten wir uns
hoffnungslos verlaufen, doch so können wir in Ruhe die einmalige
Landschaft genießen: Almen in karstigem Gelände, satte
Wiesen – von alten Buchen und Eichen begrenzt – erinnern an
englische Parklandschaften, schroffe Kreidefelsen...
Eingerahmt wird die Kulisse von den ca. 1.900 m hohen Bergen
der Madonie und im Norden vom türkisblauen Mittelmeer. Inge
Jelens Resümee des Tages:“ Mit dieser Landschaft kann ich
mich anfreunden!“
Wir unternehmen eine Rundwanderung von Piano di Battaglia
aus durch das Vallone Madonna degli Angeli. Auch hier
wechseln hervorragend angelegte Sentieri mit weglosem
Gelände. Endemische Pflanzen - wie die „Abies nebrodensis“
-, die durch Trockenmauern und Zäune vor Wildverbiss
geschützt wird, versetzt Botaniker in helle Begeisterung!
Nicht so botanisch Gebildete meinen eine derartige Tanne
schon mal in einem Gartencenter gesehen zu haben, ihnen
bleibt als herausragende Erinnerung der Genuss
sizilianischer kulinarischer Köstlichkeiten, die wir in
einer Regenpause im Hotel Pomierie zu uns nehmen
konnten....!
Der Weg auf den nach dem Ätna zweithöchsten Berg Siziliens,
den Pizzo Carbonara ( 1.978m), ist lang aber nicht
sonderlich mühsam. Der grandiose Rundblick ist eine einzige
Versuchung, diesen Ausblick möglichst lange zu genießen und
zählt vielmehr als jedes Postkartenpanorama. “... silbrige
Höhenzüge über dem afrikanischen Meer“ mit diesen Worten
beschreibt der italienische Literaturnobelpreisträger Luigi
Pirandello seine geliebte Heimat. Unser Blick reicht bis zum
rauchenden und schneebedeckten Ätna, der mächtig über der
Insel thront. Doch die Route auf den Vulkan ist erst für das
nächste Jahr geplant.
Hier auf dem Pizzo Carbonara stellt sich uns ein neue
Herausforderung: Sind wir wirklich auf dem zweithöchsten
Berg Siziliens? Der Nachbargipfel ist doch viel höher! Und
ganz leise glauben wir’s zu hören, der Berg ruft! Kondition
ist genug vorhanden, um wirklich letzte Gewissheit zu
erlangen und tatsächlich handelt es sich um eine optische
Täuschung, denn der Pizzo Palermo ist 30m niedriger als sein
Nachbar.
Castelbouno im Herzen der Madonie! Diese malerische
Kleinstadt ist wegen ihrer Bergsommerfrische für Sizilianer
ein beliebter Ausflugsort. Allzu gern flüchtet man aus der
lauten Großstadt Palermo in die Gebirgsorte und in die
kühlen Wälder der Kastanien, Steineichen und Manna-Eschen,
aus deren Rinde Saft wie Harz oder Honig fließt. Manna wird
in Castelbouno in den zahlreich vorhandenen Konditoreien
verkauft. Satt wird man von diesem Himmelsbrot allerdings
nicht, und ein Törtchen mit frischen Walderdbeeren,
dekoriert mit Pistazien, schmeckt ungleich besser. Manna
dient heute vor allem als Abführmittel.
In Castelbouno endet unsere Tour. Wir genießen den
vorletzten Abend, flanieren durch die Gassen, besorgen für
die Daheimgebliebenen eine kleine Aufmerksamkeit und müssen
uns entscheiden, ob wir eventuell zum Beispiel eine
extravagante Kopfbedeckung doch noch erwerben (eine hätte
dem Fritz besonders gut gestanden), denn am nächsten Tag
könnte die Capporia geschlossen sein.
Mit dem Bus (nach Cefalù) und dem Zug geht es zurück nach
Palermo. In Palermo verabschieden wir uns von Klaus und
Fritz, die nach Deutschland zurückfliegen. Wir vier fahren
weiter Richtung Catania, Zafferana, Taormina, um die rechten
Wege für die nächste Tour, vielleicht auf den Ätna, zu
suchen, in diesem Sinne:
Benvenuti in Sicilia!
Margrit Grosche
Unterkunft: Cefalù, Hotel
Mediterraneo, erste und letzte Nacht
Rifugio Oristano (Piano Zucchi)
Rifugio Ostello della Gioventu ( Piano di Battaglia ), zwei
Nächte
Rifugio Crispi
Castelbouno, bed&breakfast 4cannola
Restaurants: Hotel “Pomieri” in Piano
di Battaglia
Cefalù “Galleria”
(in beiden sehr gute sizilianische Küche mit fangfrischem
Fisch)
Teilnehmer: Klaus-Peter
Dörfler, Margrit Grosche, Inge und Volker Jelen,
Friedrich Kampmeyer, Eckhard Pietschmann
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