Über Felsbänder, Drahtseile, Leitern durch die Brenta
„La dolce vita“ - einmal ganz anders!!!
Dass es kein “Sonntagsspaziergang“ werden
wird, wussten wir, nachdem wir die Generalprobe, den
Klettersteig “Via Ferrata Monte Thysso” in Duisburg, gleich
zweimal hintereinander absolviert hatten. „Stellt Euch
darauf ein, dass Ihr Schwindelfreiheit und gute Kondition
mitbringen müsst!“, verabschiedete uns unser Tourenführer
Eckhard Pietschmann.
Dann war es soweit. Am 24.07.2005 trafen sich die acht
Klettersteiggeher/innen der Tourengruppe des DAV Osnabrück
am Rifugio Vallesinella, 5 km von Madonna di Campiglio
entfernt. Von hier führt der Weg zur Giorgio-Graffer-Hütte
hinauf.
Eine Region absoluter Kontraste und großer landschaftlicher
Schönheit eröffnet sich uns. Anfangs verläuft der Pfad an
den sehr beeindruckenden oberen Wasserfällen von
Vallesinella vorbei, dann durch zwei Talsenken. Wir steigen
die gut markierten Wege weiter hinauf und erreichen das sehr
gut geführte Rifugio Graffer (2.261 m), unser erstes
Domizil.
Vor uns die Brenta-Gruppe: Schmale hoch aufragende
Monolithen und riesige, senkrechte Wände! Ein
atemberaubender Anblick! Ein Massiv von unvergleichlicher
Schönheit!
Wie wird das Wetter in der kommenden Woche sein? Es wäre
schade, den Blick auf eine der schönsten Alpenlandschaften
wegen des leider häufigen Nebels zu versäumen!
Am Rifugio Graffer beginnt der „Sentiero Benini“, ein
Teilstück des „Sentiero delle Bocchette“, der Klettersteig,
der die Brenta von Nord nach Süd in ca. 2.500 m Höhe
durchzieht. Bereits in den dreißiger Jahren wurde mit der
Anlage der Via ferrata begonnen, 1972 mit dem „Sentiero
Benini“, der Via ferrata für Einsteiger, das letzte
Teilstück eingeweiht. Für uns „Ferratisti“ heißt es jetzt
Fels greifen, sich hinauswagen in die Luftigkeit und
Ausgesetztheit, ohne jedoch die Sicherheit des Stahlseils,
der Leitern, der Eisenklammern zu verlassen.
Etappenziel ist das Rifugio Tuckett ( 2.272 m), eine Hütte
in einer „strengen“ Natur, die durch eine Fülle von
Naturseltenheiten aus der Eiszeit vor 2 Mio. Jahren
gekennzeichnet ist: Senkrechte Felswände, Firnfelder und
Gletscher, die vereiste Schütte der Cima Brenta. Hier am
Fuße des Castellato steht die (renovierungsbedürftige)
Schutzhütte Tuckett e Sella.
Der „Sentiero Orsi“, die leichtere Variante des Bocchette
Alte Weges, führt uns am nächsten Tag in unmittelbarer Nähe
des Wahrzeichens der Brenta entlang. Der „Campanile Basso“
(2.874 m), der „Untere Turm“, hat diesen „Parco Naturale
Adamello-Brenta“ erst wahrhaft berühmt gemacht; auf Anregung
eines deutschen Bergsteigers wurde ihm sogar ein anderer
italienischer Name verpasst, der sich im Trentino allerdings
nie durchsetzen konnte: Guglia di Brenta. Hunderte von
Bergwanderern bestaunen alljährlich diesen steinernen
Ewigkeitsphallus, dieses Naturwunder; unzählige Kletterer
haben den Turm bestiegen. Doch gerade heute hüllt er sich zu
aller Leidwesen in Nebel. Bergfreunde aus Garmisch harren 1
½ Stunden in seiner unmittelbaren Nähe aus. Aber auch sie
können den Naturgewalten nicht trotzen und müssen irgendwann
ihr Vorhaben aufgeben.
Etappenziel des Tages ist die Schutzhütte Tosa- Pedrotti
(2.487 m).
In der Pedrotti – Hütte bleiben wir zwei Nächte. Unsere
Route am nächsten Tag führt bei schönstem Wetter über die
Via ferrata „Brentari“ zur Agostini Hütte im Alta Val d’
Ambiez. Vom „Sentiero Brentari“ lassen sich Teile des
Bocchette Centrale und der „Campanile Basso“ aus der Ferne
betrachten. An landschaftlichen Reizen steht dieser Weg den
anderen Sentieri in nichts nach. Er verläuft unterhalb des
höchsten Gipfels des Massivs, der Cima Tosa (3.159 m). Das
Ende des Klettersteigs bildet eine Leiter, die auf das
Firnfeld der Vedretta di Ambiez führt. Der Weg über den
Gletscher ist mit Fähnchen markiert, um möglichst alle
Gletscherspalten weiträumig zu meiden. Wir kürzen den Weg
seilgesichert über ein kleines Firnfeld ab, eine weitere
Erfahrung für die Neulinge. Die Brotzeit im Rifugio Agostini
haben wir uns dann doch redlich verdient. Der Weg zurück zur
Pedrotti- Hütte über den Sentiero Palmieri ist ein
gesicherter, alpiner Steig, der wiederum herrliche Aussicht
in die Bergwelt und ins Tal eröffnet.
5. Tag: Die „Via delle Bocchette Centrale“, dieses Teilstück
des berühmtesten Klettersteigs der Brenta, führt auf Leitern
und natürlichen Felsbändern an den Wänden der Zentralkette
des Massivs entlang. Man klettert/wandert buchstäblich „am
Saum des Himmels“ von Scharte zu Scharte (Bocchette). Das
Wetter meint es gut und immer wieder zeigt sich uns der
„Campanile Basso“ in vollendeter Schönheit und immer wieder
bieten sich faszinierende, einmalige Ausblicke hinauf und
hinunter. Diese besonderen Eindrücke inspirieren Christian
und Andreas zu immer neuen, hitverdächtigten
Liedschöpfungen. So erhalten die Akteure nebst
Naturschauspiel und Naturkulisse auch noch eine akustische
Untermalung zur Freude aller. Am frühen Nachmittag erreichen
wir über die Vedretta degli Sfulmini die Alimonta – Hütte:
Faulenzen, Sonnen, Fern sehen (nicht: fernsehen), Genießen,
also dolce far niente oder doch noch einen „kleinen“
Klettersteig gefällig? „Sentiero Detassis“? Volker bleibt
bei den Damen. Andreas, Christian, Eckhard, Thorsten haben
noch nicht genug!
Die letzte Etappe der Tour führt über die Via ferrata „Sosat“
zur Tuckett-Hütte und moderat weiter auf Wanderwegen zur
Brentei – Hütte (2.176 m). In einem Felsen-Amphitheater des
oberen Val Brenta liegt diese Schutzhütte buchstäblich im
Herzen der Brenta.
Am 30.07.2005 erreichen wir über den Sentiero Viola wieder
den Parkplatz in Vallesinella. Jetzt heißt es Abschied
nehmen! Leider!
Die Tourenmitglieder danken Eckhard Pietschmann, dass er die
Tour hervorragend geplant und organisiert hat, wir viel Spaß
hatten, einmalige Naturschönheiten sahen und viele neue
Eindrücke mitnehmen. Margrit Grosche
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